VR-360°– Zwischen Freiheit und Fremdbestimmung – Dany Levy
 
   

VR-360° – Zwischen Freiheit und Fremdbestimmung – Dany Levy nimmt uns mit nach Jerusalem

"Glaube-Liebe-Hoffnung-Angst" – Es klingt, wie die Struktur einer Predigt oder eines philosophischen Traktats. Selbst für einen Levy klingt das schwülstig, den wir von Film-Komödien wie „Alles auf Zucker“ kennen. In einem Marktsegment, das ansonsten von Schweiger, Schweighöfer und Schweiger zum Zweiten beherrscht wird, ist diese Komödie eine positive Ausnahme.

Levy wurde als Sohn jüdischer Eltern in der Schweiz geboren. Mit Woody Allen teilt er sich nicht nur die jüdische Herkunft, sondern auch die Körpergröße und wahrscheinlich das Bedürfnis viel reden zu müssen. Es ist zumindest eine große Leidenschaft dafür erkennbar, die man wortwörtlich verstehen sollte. Oft erzeugt erst die zu große Geschwätzigkeit Konflikte, was dann wiederum zu einem mehr an Gesprächsbedarf führt oder in folge noch mehr Konflikte auslöst. Das ist wirklich urkomisch, ja, saukomisch. Gerade in Bezug auf den Konflikt zwischen Palästina und Israel kann es von dieser Art Humor nicht genug geben. Von den Humorlosen – also denen, die nicht über sich selbst lachen können, geht am Ende immer die größere Gefahr aus. Das ist auch der große Unterschied zwischen einem jüdischen Komiker, wie Oliver Polak und einem deutschen Komiker wie dem Salafisten Pierre Vogel. Der eine lotet die Grenzen der Freiheit aus, indem er durch Provokation Aufklärung betreibt, der andere fühlt sich wahlweise beleidigt oder bedroht und entwickelt sich zum Antipoden, der übergriffig wird, weil er nur eine Wahrheit will. Das ist leider keine graue Theorie, sondern ist seid Menschengedenken Usus.

Für die Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ im jüdischen Museum Berlin hat Dany Levy vier fiktionale 360°/VR-Kurzfilme in der heiligen Stadt gedreht. Die jeweils fünf- bis achtminütigen Episoden erzählen aus israelischer und palästinensischer Perspektive vom Leben an einem Brennpunkt des Nahost-Konflikts. Die Absicht: Mit VR-Brillen sollen die Zuschauer die Ambivalenz und Intensität der Stadt an der Seite eines Stand-up Comedians, Soldaten und Scharfschützen unmittelbar bzw. virtuell erleben. Mal sind die Zuschauer als POV mehr Beobachter, mal werden sie direkt von den Akteuren angesprochen und in das Geschehen hineingezogen. Das alles ist mit viel Situationskomik und dem typischen Humor von Levy grundiert. In einer Episode setzt Levy sogar an einem öffentlichen Ort „Agent Provokateure“ ein. Levy löst die Situation erst dann auf, wenn eine Eskalation durch dritte droht, die bis dahin ahnungslos waren, bzw. nicht wussten, dass sie Teil einer Inszenierung wurden. Das unterscheidet ihn von Sacha Borat Cohen oder Andy Kaufman. Levy bleibt da politisch korrekt. Wäre er diesbezüglich radikaler, ließen sich sicher noch mehr menschliche Abgründe aufdecken, evtl. wäre die Unversöhnlichkeit zwischen Israel und Palästina das Ergebnis. Es ist bei allen vier Geschichten nicht immer klar bestimmbar, wie viel inszenierte Wirklichkeit bzw. dokumentarische Anteile den Weg in die Aufzeichnung gefunden haben. Alle Geschichten wurden in einem Take gedreht, was die Authentizität der Situation gewährleistet.

Levy schwärmt in einem Interview von den Möglichkeiten der 360° Situation und dem Gefühl mitten im Geschehen zu sein. Diese Affinität zu neuen Technologien im Film kennt man sonst eher von Regisseuren wie Wim Wenders. Wenders war einer der ersten, der in HD drehte und auch 3D begeistert aufnahm, um die Intimität einer Situation zwischen zwei Menschen zu verstärken. Man bemerkt bei Levy aber eine größere Naivität im Umgang mit der neuen Technik. Der kindliche Umgang öffnet ihm Türen. Als ich meiner 8-jährigen Tochter das Smartphone mit dem 360°-Film in die Hand drückte, wollte ich eigentlich nur ihr verblüfftes Gesicht sehen, wenn sie das Smartphone nach oben, zur Seite oder nach unten bewegt. Sie war nur aber kurz verblüfft, denn prompt lief sie mit dem Handy einen Raum weiter, in der Hoffnung dort noch mehr zu entdecken. Natürlich wird daran gearbeitet 3D und 360° in einer Technologie zu vereinen. Das alles reicht jedoch nicht an die Voll-Immersion eines Holodecks heran. Aber 360° und VR-Technologien haben vor allem einen entscheidenen Pferdefuß. Mehr Wirklichkeitserzeugung in der Maschine, heißt auch – noch mehr Illusionserzeugung. Je wirklicher desto realitätsferner werden die Bilder. Unsere Freiheit=Illusion endet immer da, wo die Technologie ihre Grenze erreicht. In Bezug auf das brisante Thema des Projekts von Levy ist die Begrenzung der Technik aber hilfreich.

Der Zuschauer erlebt in Levys Kurzgeschichten zweifelsohne die Freiheit, sich umzudrehen, auf die Füsse oder in den Himmel zu gucken – aber schon das ist eine Finte. Spätestens wenn sich die Kamera in Bewegung setzt, wird diese Freiheit relativiert. Ohne zutun wird der Zuschauer nun von einem Ereignis weggeführt oder hineingezogen. Das fühlt sich dann ein bisschen wie Betrug bzw. Fremdbestimmung an. Aber genau das könnte dramaturgisch noch mehr genutzt werden. Meine allererste 360° Erfahrung mit einer VR-Brille war nämlich exakt so. Ich stand auf einem Feld und guckte um mich herum. Nie im Leben hätte ich erwartet im nächsten Augenblick - aus der Perspektive einer Drohne - abzuheben. Das fühlte sich jedenfalls echter als die Himmelfahrt von Jesus an, die wir im Kapitel „Hoffnung“ sehen. Hier hätte die 360°-Kamera die Position von Jesus einnehmen sollen, anstatt ihm beim Abheben zu beobachten.

Die vier 360°-VR-Filme funktionieren dennoch überraschend gut. Im jüdischen Museum werden die Besucher dankbar sein, dass ihnen auf so unterhaltsame Weise die politische Situation in Jerusalem vermittelt wird. Auf diese Weise wird die Akzeptanz und Anwendung für 360° VR-Filme weiter zunehmen und schon jetzt hat sie spürbar mehr Verankerung im ersten Anlauf auf dem Markt als 3D nach mehrfachen Anstrengungen. Die Frage wird sein, wieviel Atem in der Technik steckt. Trotzdem reicht einfach 360° filmen so nicht. Es muss stärker an der 360° Inszenierung gearbeitet werden, um das Potential des multiperspektivischen Erzählens auszureizen. Nur weil ich mich um die eigene Achse drehen kann, heißt das nicht gleich, dass die Welt automatisch spannender wird. Bleibt nur noch eine Frage zu klären: Gedreht wurde in Jerusalem. Konzipiert wurde es für das Jüdische Museum in Berlin. Die nordmedia hat es gefördert. Hat da jemand einen Wohnsitz in Niedersachsen, der aber viel lieber in Berlin lebt? Ganz bestimmt.

Autor: Carsten Aschmann

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